Die Gräfin ( Ausschnitte)
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Ein Schrei aus der Hütte unterbricht diese Stille und lässt Arno zusammenzucken. Es ist geschehen! Sein Kind ist geboren! Schnell stürzt er ins Heim. Sein Herz pocht vor freudiger Erwartung, kaum ist er durch die Tür getreten kommt ihm die Hebamme entgegen und nickt freudenstrahlend. Über Arnos Wangen beginnen Tränen zu kullern, Tränen der Freude!
So eilt er in die hintere Ecke des Raumes wo sich das Bett befindet. Seine Frau Elfriede liegt nassgeschwitzt, aber zufrieden glücklich darin. In ihren Armen hält sie das Neugeborene. Vorsichtig setzt sich Arno auf die Kante des Bettes. Mit seiner Hand streichelt er vorsichtig die Wangen seiner Frau und über ihr Haar. Seine Augen strahlen vor Glück, genauso wie die Augen von Elfriede. Nun wandern seine Augen zu dem Kind, einem kleinen zerbrechlich wirkenden Wesen mit dunklen wuscheligen Haaren und zu Fäusten geballten winzigen Händen. Was hat dieses Wesen von dieser Welt zu erwarten? Seinem Start nach zu urteilen ist es hoffnungslos verloren. In dieser Welt voller Armut, Schrecken und Ungerechtigkeit!
Aber an das Schlimmste denkt momentan keiner der glücklichen Eltern, weder Arno noch Elfriede. Diese legt zufrieden ihre Hand auf die Schulter ihres Angetrauten: „ Wenn die Gräfin alles holt, aber unseren Albert bekommt sie nicht“. Ihre Stimme zittert vor Aufregung und Erschöpfung von der Geburt. Arno nimmt ihre Hand in die seinen: „ Er gehört uns“! Mit diesen Worten im Ohr und das Kind neben sich schläft sie ein.
Der Winter ist nun vollends über das Land gezogen. Schnee und Kälte haben alles fest im Griff. Die dunklen Wolken die sich am Tage von Eduards Tot am Horizont zeigten, haben nun ihre ganze Pracht über das Land geschüttet, als wollen sie Eduards Leben zudecken.
Die Gräfin ist nach dem Unglück zurück ins Kloster und hat einige Mönche geschickt, um den leblosen Körper ihres Mannes holen zu lassen. Sie hat aber nie die trauernde Witwe gespielt, dies hätte ihr auch niemand abgenommen. Nun ist der Tag des Begräbnisses gekommen. Die Gräfin wünschte nur eine Feier im engsten Kreise, und so sind außer ihr und den Mönchen nur noch Eduards Bruder und dessen Gattin zugegen. Gemeinsam ziehen sie zu dem Klang einer einzelnen Glocke in die Kapelle ein. Voran die Witwe. Die schwarz gekleideten Trauergäste heben sich wie dunkle Geister von dem weißen reinen Schnee der den Hof bedeckt ab. So als wolle die Natur einen Vergleich zwischen Eduard und seiner Gattin aufzeigen. Die schwarz gekleideten Trauergäste spiegeln das Dunkel in der Seele der Gräfin wieder, und der reine weiße Schnee gibt nur ein kurzes Gastspiel auf der Burg, so wie Eduards Leben an der Seite der Gräfin.
Die Mönche in der Kapelle stimmen einen Trauerchoral an als die Gräfin den Raum betritt. Vor dem Altar ist der Sarg mit den sterblichen Überresten Eduards aufgebahrt. Die Witwe steht nun vor dem Sarg, bekreuzigt sich und geht in ihre Bank. Ihr Gesicht ist mit einem Schleier bedeckt. Dieser ist sehr eng gewoben, damit man nicht hindurchsehen kann. Denn ansonsten hätte der eine oder andere das leise Lächeln in ihrem Gesicht gesehen. Abt Claudius hält eine kurze Trauerrede. Sie war nichtssagend, so hat es die Gräfin gewünscht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es keinen Gottesdienst gegeben. Sie hätte Eduard am liebsten im Wald liegen lassen und den Wölfen überlassen. So aber findet diese Feier statt, ohne Huberta und ihre Mitschwestern. Ihnen wäre eine Reise durch den Schnee viel zu anstrengend gewesen, und so halten sie eine eigene Trauerfeier in ihrer Kapelle ab. Die bestimmt viel feierlicher und würdevoller war als diese hier.
Abt Claudius spricht den Segen und sofort verlässt die Gräfin die Kirche. Ihr folgt schnell Bruno, Eduards Bruder. Er hat schon während des Gottesdienstes mit sich gekämpft, damit er nicht wutentbrannt auf seine Schwägerin losging. Nun aber ist es soweit, kaum vor die Tür getreten baut er sich vor seiner Schwägerin auf: „ Bist du nun einen Schritt weiter “, brüllt er sie an. Die Gräfin zeigt sich von diesem Ausbruch unbeeindruckt: „ Was soll das bedeuten“? Ohne eine Mine zu verziehen schaut sie Bruno an. Diese Unschuldsmine und diese Gleichgültigkeit bringt Bruno nur noch mehr in Rage. Er zittert bereits vor Wut: „ Eduards Tot kommt dir doch gelegen! Vielleicht hast du ihn sogar verursacht“! Bei diesen Worten greift er sie an den Armen und versucht sie zu schütteln. Mit einem kräftigen Ruck löst sie sich von seinem gewalttätigen Griff und schaut ihn durchdringend giftig an, als wäre sie von seinen Anschuldigungen zu tiefst verletzt. Wie ihr Blick, so sind auch ihre Worte: „ Das geht zu weit! Was kann ich dafür, wenn eure Eltern nicht im Stande dazu waren euch das Reiten beizubringen“!
Rasch geht sie weiter und lässt Bruno einfach stehen. Dieser beginnt vor Wut zu Heulen. Seine Frau tritt hinzu, nimmt ihn in die Arme um ihn zu trösten.
Wieder einmal haben die beiden Freunde Albert und Clemens eine beinahe schlaflose Nacht hinter sich. Sobald sie ihre Augen schlossen, sahen sie, wie beim Brand des Hauses von Hans, das Feuer vor sich.
Lange standen sie wortlos an der Mauer, voller Unverständnis über das was sich auf dem Hügel abspielte. Sie hörten nur ein leises Prasseln, aber keine Schreie der Sterbende, dies konnten sie auch nicht. Denn das Ehepaar von Stein lies keinen Laut von sich, kein Jammern, kein Schmerzensschrei, selbst als das Feuer vollends Besitz von ihnen ergriff.
Beide verzichteten heute Morgen auf das Frühstück, nach den Ereignissen der Nacht ist ihnen nicht nach Essen zumute. Dieses Geschehnis hat tiefe Spuren in den Seelen der jungen Männer hinterlassen.
Albert besuchte die Morgenandacht, in der Hoffnung etwas Ordnung in seine wirre Gedankenwelt zu bringen. Doch alle Bemühungen waren umsonst. Ja sogar erzielte er das Gegenteil, denn als der Abt in seiner Predigt für die beiden Verstorbenen betete, empfand er es als Hohn, den in seinen Augen ist der Abt an dem Tot der beiden doch mitschuldig.
Er tritt nach der Andacht, wie auch die Gräfin, der Abt und die meisten der Mönche, hinaus in den Hof. Nachdenklich geht er auf Clemens zu, der gerade dabei ist, den Wagen für seine Reise zu beladen. Albert bleibt kurz stehen, Clemens sieht seine Augen und denkt, diesen Blick und diesen Ausdruck hat er bei seinem Freund noch nie gesehen. Was ist geschehen? Albert schlägt mit der Faust voller Wut gegen den Karren und wendet sich ab, geht auf eine niedrige Mauer zu, um sich darauf zu setzten. Sein leerer Blick schweift hinaus in die unendliche Weite, die unendliche Leere. Clemens unterbricht sein Werk, um vorsichtig auf seinen Freund zuzugehen. Was ist geschehen? Was macht ihn so nachdenklich und ärgerlich zugleich? Er setzt sich neben ihn und fragt leise und behutsam: „ Was ist mit dir?“ Er muss lange auf eine Antwort warten, doch dann bricht Albert sein Schweigen: „ Es gibt Dinge die ich nicht verstehe.“ Dann senkt er seinen Kopf um einfach nur auf den Boden zu starren. Clemens steht auf, um sich vor ihm niederzuknien, damit sie auf Augenhöhe sich befinden: „ Was verstehst du nicht?“ Rasch wendet Albert sein Gesicht ab, um wieder hinaus in die Weite zu schauen, als ob am Horizont die Antwort auf seine Fragen zu erwarten wäre. Doch plötzlich bricht es aus ihm heraus: „ Ich verstehe die Dinge nicht, die hier geschehen! Dinge die der Abt im Namen Gottes tut! Gestern Abend, diese schreckliche Verbrennung, es war Mord! Obwohl in der Bibel geschrieben steht, du sollst nicht töten! Aber es war Mord!“ Dann springt er auf, um sich vor Albert aufzubauen, was dem ein wenig Angst einflösst. Es hat den Anschein, als wolle er Clemens für alles haftbar machen: „ Jawohl, es war Mord, kaltblütiger berechnender Mord! Mord, gemeinsam von der Gräfin und unserem Abt! Mord an Menschen, die nicht ihrer Meinung waren! Möchte Gott denn wirklich, dass solche Dinge, schreckliche Dinge, in seinem Namen geschehen? Warum lässt er das zu?“ Eine kleine Pause entsteht. Dann holt Albert erneut Luft, um in seiner Rede weiter zu fahren, nun aber nicht mehr so energisch, denn seinen größten Frust hat er nun herausgelassen und abgebaut: „ Warum lässt er das zu? Und vorhin im Gottesdienst hat Abt Claudius für die Seelen der beiden Verstorbenen gebetet, für die von ihm ermordeten!“ Clemens versteht seinen Freund und seine Gedanken. Mit einem Klaps auf seine Schultern zeigt er, dass es Zeit ist, mit der täglichen Arbeit fortzufahren. Albert ist Clemens behilflich den Rest zu verladen und zu Verzurren, denn er ist schon spät dran. Clemens besteigt den Bock, nimmt die Zügel in die Hand, und im Abfahren meint er nur: „ Es wird das Gewissen sein, das den Abt zu den Gebeten veranlasst. Es nagt! Es ist der Streit in ihm, zwischen dem Glauben und Gelübde, und der Gier und Habsucht!“ So zieht er von dannen. In Albert aber wirken seine Worte nach. Hat er Recht? Ist es wirklich das Gewissen? Ist es dieser innere Kampf in Claudius? Er weiß es nicht.
Auf seinem Bock hat Clemens Zeit über alles nachzudenken, denn er muss den Wagen nicht lenken, da das Zugtier den Weg auswendig kennt. So grübelt er über alles, das Geschehene, und die Worte und Fragen seines Freundes. Über alles was im Namen Gottes unrechtes geschieht. Schon immer gab es solch schreckliche Dinge, aber dies nun, ist etwas anderes. Er ist hautnah dabei, und da wirken solche Taten noch grauenhafter! Immer wieder sieht er den Schein des Feuers in sich, das Feuer in dem 2 ihm bekannte Menschen im Namen Gottes ihr Leben lassen mussten!
Gemächlich zieht das Gespann dahin. In der Ferne erkennt er wieder die Frau und ihre Kinder, aber am Liebsten wäre ihm, niemanden zu sehen. Sie winken ihm freudig zu, doch er erwidert den Gruß heute nur leicht, indem er die Hand etwas anhebt.
Seine Gedanken kreisen immer wieder rund um die vergangene Nacht, das Feuer, diese seltsame Stille, den hell erleuchteten Himmel, und das Warum! Er ist so vertieft, dass er nicht einmal bewusst wahrnimmt, wie Urban seinen nun schon gewohnten Platz auf dem Karren einnimmt.
Albert hat das Nötigste im Stall verrichtet, und beginnt nun den Burghof zu Fegen. Auch er ist immer noch von den Geschehnissen und Erinnerungen der vergangenen Nacht gefangen. Bruder Bernhard geht an ihm vorüber, grüßt mit einem freundlichen Nicken, was Albert aber nicht wahrnimmt. Auch der Abt erscheint im Hof, mit ihm den Waisenknaben Niclas! Claudius muss bald entscheiden was mit dem Burschen geschehen soll, denn irgendwie trägt er Verantwortung für ihn, dies immerhin empfindet er als seine christliche Pflicht. Niclas wirkt blass und niedergeschlagen, nicht fähig zu Reden. Er hat heute noch kein Wort gesprochen, keine Fragen des Abts beantwortet, aber es ist auch kein Wunder warum! Der Schock sitzt einfach viel zu tief! Er hat noch gar nicht richtig begriffen, was wirklich geschah. Aber was soll aus ihm werden? Wie soll er das Leben meistern? Ein Knabe der immer nur sorgevoll von seinen Eltern behütet wurde.
Die Gräfin möchte ausreiten! In ihrem Reitkostüm eilt sie auf Albert zu. Dieser reagiert zugleich, stellt den Besen in eine Ecke und verschwindet rasch in den Stallungen. Ungeduldig wartet die Frau nun davor, bis Albert mit dem gesattelten Gaul erscheint. Diese Situation nützt nun Claudius, um mit ihr zu Sprechen. Mit Niclas an der Hand tritt er näher. Es scheint ihr gar nicht recht zu sein, denn so sagt es ihr abwertender Blick. Sie ahnt was die beiden möchten, aber warum soll sie sich nun um diesen Bengel auch noch kümmern! „ Was soll nun mit ihm geschehen?“ Diese Frage kommt dem Würdenträger leise und zaghaft über die Lippen, denn er sieht an der Mine der Herrscherin, was sie denkt. Und so bekommt er auch seine Antwort: „ Ist das denn meine Sache?“ „ In gewisser Art schon! Nehmen wir ihn bei uns auf, Arbeit haben wir doch genug.“ Irgendwie regt sich etwas in der Frau, ist es etwa so etwas wie Reue oder gar Mitgefühl? Man könnte es meinen, denn ihre Wangen entspannen sich und die Augen wirken nicht mehr so streng und bestrafend. Aber kann sie es zulassen ihre Gefühle zu zeigen? Immer noch die Herrin spielend antwortet sie: „ In Gottes Namen, aber warum haben wir ihn denn nicht auch auf dem Scheiterhaufen geworfen?“ Diese letzten Worte spricht sie hinaus ins Leere, ohne jemanden dabei ansehen zu müssen. Schnell wendet sie sich ab, als wäre ihr die Situation plötzlich peinlich. Mit einem zufriedenen Ausdruck geht Abt Claudius mit seinem neuen Zögling in das Gebäude zurück.
Das Licht des neuen Tages versucht nun die Dunkelheit der Nacht zu verdrängen. Bruno wälzt sich hin und her, so wie die halbe Nacht. Ein Gedanken geht ununterbrochen durch seine Gehirngänge. Was kann er gegen seine Schwägerin unternehmen, wie kann er sie bekämpfen?
Aber ist es für seine Kampfeslust nicht schon zu spät?
Er versucht nun seine letzte Chance zu nutzen! In seinen Augen spiegeln sich sein Wille und sein Tatendrang wieder! Dies alles hatte er in seinem bisherigen Leben alles vermissen lassen. Aber er hatte es ja auch nie nötig gehabt sich um etwas zu Kümmern oder zu Kämpfen! Denn als Kind führte er ein unbeschwerliches Leben, wohlbehütet von seinen Eltern. Und als sein Bruder das Gut übernahm, führte er sein sich dahinplätscherndes unbesorgtes Leben weiter. Doch mit der Heirat seines Bruders sollte sich dies ändern, er aber hatte es nie wahrgenommen.
So ist er nun auf dem Weg die Gosse zu verlassen! Hinunter ins Dorf! Seine Frau folgt ihm, etwas ungläubig dreinschauend, aber sie folgt. An ihrer Hand hält sie Niclas. Sie gehen den direkten Weg, durch Gebüsch und durch Pfützen! Jeder Schritt der ihn dem Dorf näher bringt, scheint seine Motivation zu verstärken!
Ihr Ziel ist erreicht! Niclas wurde den letzten Rest des Weges von seiner Mutter getragen, denn er ist es absolut nicht gewohnt zu Gehen. Er begann zu Weinen und blieb einfach stehen! Er hatte es schon immer geschafft, seinen Willen gegen seine Mutter durchzusetzen!
Etwa in der Mitte des Dorfes bleiben sie stehen. Spielende Kinder rennen davon, als sie die Fremden Menschen erblicken. Nun heißt es, auf sich aufmerksam zu machen! Aber wie? Dann entdeckt Agnes einen Holzzuber vor einer Hütte. Schnell holt sie ihn, hebt einen Stock, der in der Nähe liegt, auf und schlägt damit auf den Zuber. Mit diesem Radau wird sie wohl die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich ziehen. Und so ist es, denn immer mehr Menschen strecken ihre Köpfe aus den armseligen Hütten, um zu sehen, wer hier so unverschämten Lärm macht. Es sind hauptsächlich Frauen und Kinder, denn die meisten der Männer befinden sich auf den Feldern um ihre Arbeit zu verrichten. Um seine Frau in ihrer Bemühung zu unterstützen, beginnt Bruno zu rufen, und zwar so laut er kann: „ Hört alle her ihr Leute! Hört was ich euch wichtiges zu Sagen habe! Kommt nur her, kommt!“ Nach und nach versammeln sich die Leute um Bruno, bleiben aber in gebührendem Abstand, oder ist es nur Vorsicht vor dem Unbekannten, stehen. Bruno sucht etwas, worauf er stehen kann, damit ihn alle sehen. Dann nimmt er den Zuber seiner Frau, dreht ihn um und stellt sich darauf, etwas wackelig, aber er steht höher als seine Zuhörer um ihn herum. Nun versucht er den Menschen beizubringen, auf eine Seite zu stehen, damit er alle im Blickfeld hat. Er winkt und fuchtelt so lange mit seinen Armen, bis er zufrieden ist. Seine Frau ging unterdessen zu den Menschen, um ihren Mann zu Unterstützen. Jetzt, da er alle Versammelten direkt vor sich hat beginnt er, in der Hoffnung, die Menschen zu Überzeugen! „ Ich habe etwas sehr, sehr wichtiges für euch! Hört mir zu! Habt ihr schon einmal etwas von Freiheit gehört? Habt ihr?“ Er sucht sich eine Person unter seinen Zuhörern, es ist ein alter Mann, der abgeschunden und krank wirkt. Er deutet mit dem Finger auf ihn und redet weiter: „ He du, ja dich meine ich alter Mann! Weißt du was Freiheit ist, was Freiheit bedeutet? Der Mann schaut verdutzt und überrascht, so direkt angesprochen zu werden. „ Freiheit,“ so ruft Bruno weiter „ Freiheit ist das zu tun, was man mag! Könnt ihr das? Könnt ihr? Nein! Nein das könnt ihr nicht! Und warum nicht? Warum? Ich sage es euch! Weil ihr Leibeigen der Gräfin seid! Jawohl, Leibeigene der Gräfin, dieser habgierigen Person!“ Alle schauen sich verwundert an, wer ist dieser Mensch, der es wagt so etwas öffentlich zu sagen? Denn so eine Ansprache haben sie noch nie gehört. Auch Agnes ist von den Worten ihres Mannes angestachelt, sie geht vor den Menschen auf und ab, schaut ihnen direkt in die Augen: „ Auch seid ihr Leibeigen der Kirche! Leibeigen! Ohne Rechte! Dieser Abt, Claudius hat euch doch alle in seiner Gewalt, und behauptet es geschehe alles im Namen der Kirche, zum Wohl Gottes! Aber es dient nur zu seinem eigenen Wohl, zur Befriedigung seiner eigenen Habgier!“ Die Menge ist ruhig und wirkt nachdenklich. Stimmt das, was diese Fremden behaupten?
Für einen Moment herrscht Stille, Todesstille! Man sieht den Menschen ihre Nachdenklichkeit an. Aber hatten sie denn jemals eine Chance?
Bruno unterbricht nun die Stille: „ Seht ihr, deshalb müssen wir etwas unternehmen! Jawohl!“ Aus dem Kreis der Zuhörer humpelt ein e ältere Frau auf Bruno zu, fragend schaut sie ihn von unten herauf an: „ Warum? Sie geben uns doch Arbeit und Brot! Jawohl, wir haben ein Dach über dem Kopf, und täglich etwas zu Essen! Warum sollten wir das denn ändern?“ Rasch möchte sie in der Menge verschwinden. Aber Agnes ist schneller, sie geht auf die Frau zu und packt sie am Arm: „ Ist das denn alles wofür es sich zu Leben lohnt? Nein, Nein, und nochmals nein!“ Die Frau hat genug und reißt sich los, im Abgehen meint sie: „ Uns reicht es, wir sind damit zufrieden. Wir leben so besser als in der Gosse! Last uns nach Hause gehen!“
Die meisten der Anwesenden möchten der Aufforderung der Frau folgen. Doch Bruno möchte das nicht zulassen. Er springt von seinem Sockel und geht direkt zu den Menschen: „ Halt“ Bleibt hier und lasst mich weiterreden! Hört zu! Es ist wichtig für euch!“ Doch das scheint die Menge nicht zu interessieren. Sie wendet sich ab. Bruno rast durch sie und versucht sie aufzuhalten. Irgendwie muss er die Menschen hier doch begeistern können.
„Merkt ihr denn nicht, dass ihr nur Werkzeug der Gräfin seid? Ebenso seid ihr auch Werkzeug des Abts!“
Seine Frau hat inzwischen seinen als Schemel funktionierenden Zuber gebracht, er stellt sich wieder darauf, um besser gesehen zu werden. Einige der Dörfler bleiben nun doch wieder stehen, um ihm noch einmal zuzuhören. Vielleicht ist doch ein Funke Wahrheit an seiner Rede. Unerschrocken und kämpferisch setzt Bruno seine Ansprache fort. Seine Augen funkeln, und immer wieder ballt er seine Fäuste, denn seine Wut schäumt beinahe über:
„ Merkt ihr denn nicht, dass ihr nur Werkzeug seid? Werkzeuge der Gräfin und des Abts! Ihr seid Werkzeuge, um ihren Wohlstand zu sichern! Und das alles im Namen der Kirche! Wie lange möchtet ihr euch das denn noch gefallen lassen? Wie lange noch? Das Wort Gottes das der Abt euch predigt ist nicht das Wort Gottes wie es eigentlich gemeint ist, und wie Jesus es uns vorgelebt hat! Nein, es ist das Wort des Abtes! Das Wort Gottes so ausgelegt, dass es nur dehnen dort oben in der Burg Vorteile bringt! Und euch aussaugt und verkümmern lässt! Das Wort Gottes ausgelegt zum Wohle des Abtes und meiner habgierigen Schwägerin, der Gräfin, ist das denn im Sinne Gottes? Ist es das? Ist es in Sinne Gottes, dass einem Mann, der sein Leben lang hart geschuftet hat, am Ende alles genommen wird? Nein! Und dieser Mann konnte diese Schmach nicht ertragen, er sah nur noch den Weg, seinem Leben selbst ein Ende zu setzten! Ist das im Sinne Gottes? Nein! Nein! Und nochmals nein!“
Einige der Zuhörer wenden sich kopfschütteln ab, es ist zu viel für sie. Sie empfinden es als ungeheuerlich so über die heilige Kirche zu Reden. Es ist eine Sünde so gegen die Kirche zu hetzen! Und es ist eine Sünde so gegen Abt Claudius zu hetzten, denn schließlich verkörpert er die Kirche. Und die Kirche steht über allem!
In der Zwischenzeit hatte sich die Gräfin zu ihrem Ausritt aufgemacht, zu einem Kontrollritt durch einen Teil ihrer Besitztümer. Denn ihren gesamten Besitz an einem Tag zu kontrollieren ist ihr zu viel.
Heute führt sie ihr Weg hinunter ins Dorf, denn sie möchte sich selbst ein Bild von den Überresten des Hauses von Hans machen. Den Anblick der verkohlten Reste möchte sie sich nicht entgehen lassen, es ist für sie eine Art Selbstbestätigung ihrer Macht!
So nähert sie sich nun dem Dorf, schon von weitem kann sie einen Menschenauflauf erkenn und denkt sich nur, was soll das? Was zum Teufel hat dies zu bedeuten? Die Menschen sollen Arbeiten und nicht faul herumstehen! Menschen die ihrer täglichen Arbeit nicht genügend nachgehen, kann diese Frau absolut nicht ertragen!
Sie gibt ihrem Pferd die Sporen, denn sie möchte nun schnellst möglich sehen was sich dort abspielt. Am Anfang des Dorfes angelangt verlangsamt sie ihren Ritt, und nähert sich der Versammlung. Plötzlich bleibt sie stehen. Sie traut ihren Augen und Ohren nicht. Ist dies nicht ihr Schwager? Hält er die Menschen von der Arbeit ab? Gerade dieser Taugenichts! Langsam setzt sie sich nun wieder in Bewegung, geradewegs der Anhäufung zu. Aber sie nähert sich dem Haufen von hinten, so dass Bruno sie nicht kommen sieht.
Dieser fährt mit seinem Donnerwetter auf die gnädigen Herrschaften unbeirrt fort, denn er sieht die herannahende Gefahr ja nicht. Aber seine Zuhörer erkennen nun nach und nach das nahende Unglück. Dementsprechend wenden sich immer mehr vom Redner ab. Bruno erkennt dies und gerät immer mehr in Rasche: „ Gemeinsam können wir etwas gegen diese falschen Hunde unternehmen! Gemeinsam! Ich sage gemeinsam! Geht nicht weg, kämpft mit mir! Kämpft! Kämpft gegen diese Ungerechtigkeit! Jeder von euch muss seinen Teil in diesem Kampf beitragen! Jawohl jeder, auch diese die meinen sich abwenden zu müssen! Kämpft für eure Freiheit, kämpft für euch, kämpft für eure Kinder, kämpft für eure Kindeskinder! Kämpft! Kämpft gegen die Gräfin, dieses herzlose Weibstück! Kämpft gegen den Abt, der die Bibel zu seinen Gunsten auslegt! Leute kämpft! Kämpft gemeinsam mit mir gegen dieses Unrecht!“
Immer mehr der Dorfbewohner haben die Gruppe nun verlassen. So dass Bruno beinahe alleine dasteht. In seinem Rücken nähert sich seine Schwägerin immer mehr. Bruno versteht die Reaktion der Menschen nicht. Warum gehen alle weg? Warum lassen sie ihn alleine in dem Kampf? Er will und kann dies alles nicht verstehen. So rennt er ihnen, weiter seine Parolen verbreitend, nach. „ Warum wendet ihr euch denn ab? Ich habe doch recht!? Jetzt habt ihr die Chance eure Freiheit zu erlangen! Kämpft mit mir gegen diese Habgier! Kämpft mit mir gegen dieses Teufelsweib!“
Aber alles schreien nützt nichts, denn mittlerweile stehen die Steins alleine da. Alle haben sich aus dem Straub gemacht, teils aus Überzeugung, und teils aus Angst vor der herannahenden Gefahr. Bruno steigert sich immer mehr in eine Art Wahn. Er bleibt stehen, aber sein Kopf glüht, er glüht aus Wut über die Menschen, und er glüht aus Rasche! Er schreit nun nur noch, seine Stimme überschlägt sich:
„ Kämpft doch Leute, für euer Wohl und euren Wohlstand, kämpft, kämpft. Kämpft für euch, und nicht zum Wohl der Gräfin und der Kirche.“ Seine Stimme wurde bei den letzten Worten immer schwächer und versagte ihren Dienst. Sie klang nur noch wie ein elendes Heulen. Ein geradezu jämmerliches Winseln.
Langsam und völlig entkräftet sinkt Bruno zu Boden. Er hat all seine Kraft in die Rede gelegt, all seinen Mut und all seinen Hass! Wie ein Häufchen Elend kauert er nun im Schlamm. Agnes kniet sich zu ihm nieder und legt ihren Arm schützend um ihn. Auch beider Sohn gesellt sich zu ihnen. Nun ist die Familie versammelt, zu einem Knäuel verschmolzen, ein Knäuel voller Elend und Trostlosigkeit.
Die Gräfin, hoch zu Ross, steht nun hinter ihnen. Sie reitet um den Haufen, damit sie ihrem abtrünnigen und elend verlogenen Schwager mitten ins Gesicht sehen kann. Es ist für sie eine Genugtuung, wie eine riesige Gefahr, über diesen Nichtsnutzen zu Thronen. Ihr giftiger Blick trifft nun Bruno, der nun die Frau zu Pferde bemerkt hat, wie ein Pfeil! Ein Pfeil voller Gift und Unrat mitten in seiner schon sehr geschundenen Seele.
Hocherhaben und voller Abscheu lässt die Dame nur einen Satz von sich: „ Kämpft gegen die Unbeugsamen, die sich dadurch selbst zum Tode verurteilen!“ Rasch zieht sie die Zügel herum und galoppiert von dannen.
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